Kindheit früher

Ein Leserbrief von Herrn von Hohnhorst in der FAZ, Juli 2013 beschrieben:

„Kindheit hat sich in dieser Beziehung dramatisch verändert und ist innerhalb von nur einer Generation viel unfreier geworden. Meine „Peergroup“ – in der Nachbarschaft meines Dorfes wimmelte es nur so vor Kindern – hatte neben so harmlosen Sachen wie Seifenkistenbauen eine Leidenschaft: Bömbchen und Raketen (und sie flogen schliesslich doch) zu bauen. In etlichen Kellern waren dazu gut ausgestattete Chemielabors eingerichtet worden. Auf dem Schulhof wurden dann Chemikalien getauscht, und man gab ein bisschen an mit diesem oder jenem spannenden Experiment.

Es war damals überhaupt kein Problem, sich völlig legal Chemikalien unterschiedlichster Art zu beschaffen, darunter auch durchaus gefährliche Substanzen wie konzentrierte Säuren und Laugen oder Explosivstoffe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Eltern gar nicht so genau wussten, was wir da eigentlich in den Kellerlabors so trieben. Es hat zwar hin und wieder gerumst, viel Unfug war im Spiel, aber ernsthafte Unfälle blieben aus. Immerhin hat diese jugendliche Experimentierfreude in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zwei promovierte Chemiker hervorgebracht, die heute in der Industrie arbeiten.

Terrorristen hat meine Peergroup dagegen meines Wissens keine hervorgebracht (dafür gehört ein Wirtschaftsweiser zu meinem Abiturjahrgang). Vor Jahren habe ich meinen Söhnen einen Chemie-Experimentierkasten geschenkt. Er liegt, praktisch unberührt, noch immer auf dem Dachboden. Die darin enthaltenen Substanzen sind nicht spannender als Backpulver – jugendliche Forscherneugierde wecken die langweiligen Experimente, die sich damit anstellen lassen, kaum mehr.

Im Nachhinein staune ich, wie wir Kinder eigentlich die sechziger und siebziger Jahre überlebt haben. Wir sind natürlich auf vollbeladenen Heuwagen mitgefahren, haben mit Beilen und Äxten hantiert (wie gefährlich!), im Winter und im strömenden Regen Bäche aufgestaut, gewagt konstruierte Baumhäuser mit Flitzebögen (einer gefährlichen Waffe) gegen Angreifer verteidigt, an Bahndämmen Indianer gespielt und alle möglichen wilden Tiere mit bloßen Händen angefasst. Und das alles ohne elterliche Aufsicht und ohne pädagogisches Konzept. Heute braucht es schon eine behördliche Genehmigung, wenn man auch nur Froschlaich mit nach Hause nehmen möchte, um staunend das Wunder der Metamorphose erleben zu können.“

Herr von Hohnhorst spricht mir aus der Seele.