Geldgier und dann erst noch Pfusch

An Ostern haben wir als Notfall eine 91jährige Klientin bei uns in der Sprechstunde empfangen. Im Rollstuhl, begleitet von ihrem Sohn. Ich sei die letzte Hoffnung, meinte er.

Was war pasiert?

Da sie täglich gerne einen Spaziergang mache, habe sie sich zu einem künstlichen Kniegelenk überreden lassen. Das rechte Knie schmerzte ab und zu. Nicht immer, nur beim Treppensteigen oder Herunterlaufen. Der Arzt meinte, das sei kein Problem, ein Routineeingriff und weil sie noch so fit sei, könne sie bald wieder ohne Krücken und ohne Schmerzen laufen.

Anfangs Jahr war die Operation, die fast tödlich endete. Beim Eintritt in den Spital hatte sie etwas hohen Blutdruck – vor Aufregung und Angst. Sie bekam zum ersten Mal in Ihrem Leben Blutdrucksenker… Das Ergebnis: Die Ärzte mussten sie «zurückholen».

Sie wissen was das heisst. Die Dosierung war falsch.

Am nächsten Tag wurde das künstliche Gelenk eingesetzt. Blutverdünner, Schmerzmittel…, obwohl der Blutdruck völlig normal war bekam sie auch noch Blutdrucksenker. Bei Ihrer Entlassung litt sie bis heute weiterhin an Schmerzen. An Schmerzen, die Sie früher nie kannte. Sie ist so schwach, dass sie nicht mehr gehen kann. Heute wohnt sie im Pflegeheim, meistens liegt sie im Bett oder ab und zu sitzend im Rollstuhl, für ein paar Minuten.

Wird täglich mit Medikamenten vollgestopft, die Lebenslust ist weg, ihr altes Hundchen musste sie weggeben. Hätte sie nur sterben können, meinte sie mit weinerlichen, schwachen Stimme.

In dieser verpfuschten Situation ist es schwierig Schmerzen zu lindern. Wir konnten ihr einiges erklären und kleinste Übungen zeigen. Heute früh hat sie uns angerufen, dass es ihr etwas besser gehe.

Ihr Sohn hat uns die MRI-Bilder vom Knie vor der Operation mitgebracht. Unsere Meinung ist klar: Die Frau hatte keine Arthrose, nichts, dass die Schmerzen verursachte. Die Operation, das künstliche Kniegelenk, war nicht notwendig.

Die Schmerzen kamen von der verkümmerten Muskulatur ums Knie und im Bein, wie bei 99 % aller sogenannten Arthrose-Schmerzen. Wir haben ihr in der Sprechstunde gezeigt, was sie tun kann, damit sie ihre Muskeln langsam und schonend wieder aktivieren und aufbauen kann. Und wie Sie korrekt gehen muss, damit sie das Knie und andere Gelenke nicht mehr über- oder gar nicht mehr belastet.

Wir haben ein Ziel festgelegt, dass sie in einem Monat wieder gehen kann. Das haben wir mit Handschlag fest abgemacht. Ich denke sie wird das erreichen.