Erziehen durch Reden und Begreifen

Wenn man Kindheit ermöglicht, braucht man viel Ruhe und viel Zeit fürs Anleiten, Begleiten, Einüben und Entscheidungen für die Kinder treffen. Laut des Jugendpsychiaters Winterhoff vertieften sich Mitte der 90er Jahre die Erwachsenen in die Digitalisierung und schafften dabei unbewusst die Kindheit ab.

Die Aussage des Kinder- und Jugendpsychiaters trifft den Kern: „Wir haben aus den Kindern kleine Erwachsene gemacht, denn es herrscht die Vorstellung: Mit Reden und durch Begreiflichmachen könnte man erziehen.“

Doch welche Auswirkungen hat das?

Bei Hürden kommt es entweder zur grundsätzlichen Verweigerung oder zu übertriebenem ehrgeizigen Arbeiten.

Im sozialen Bereich bestimmen eher die Kinder.

In Konflikten sehen sie nie realistische Eigenanteile. Immer sind andere oder Umstände schuld.

Das Kind lässt sich nicht auf einen Vergleich ein.

Im Leben herrscht vorrangig das Lust-und-Laune-Prinzip.

Winterhoff: „Wir Erwachsenen haben es verabsäumt, diesen Menschen in der Kindheit [emotionale/soziale] Psychefunktionen abzuverlangen und einzuüben. Deshalb haben sie diese nicht. […]

Wir haben immer mehr Kinder und Jugendliche, die den Reifegrad von Kleinkindern aufweisen.“

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Müssen Kinder wirklich auf das digitale Zeitalter vorbereitet werden?

Winterhoffs Standpunkt dazu ist klar: Kein Kind muss auf die Zukunft vorbereitet werden, denn das geht auch gar nicht. Wenn wir unseren Kindern eine vergleichbare Psyche mitgeben würden, die wir „noch“ haben, würden sie als Erwachsene mit allem klar kommen.

Die Digitalisierung ist eine Technik und nicht mehr! Wenn wir es schaffen, mit dieser Technik so umzugehen, dass wir mehr Zeit für uns und unsere Kinder haben, dann haben wir gewonnen. Der Jugendpsychiater rät daher den Erwachsenen, regelmässig für ihre emotionale und soziale Psyche zu sorgen. Sie muss eine Chance haben zu regenerieren, die Regeneration über Schlaf reicht nicht aus. In der Natur und im Wald sein, die Stille suchen, um sich zu erden. So verfügen wir über eine gesunde Psyche und Intuition, und wir sind klar und abgegrenzt.

Winterhoffs Appell an Eltern:

„Sorgen Sie für Auszeiten, sorgen Sie für Ihre Erdung, sorgen Sie für das Gespür für Ihre Kinder. Nicht das Gerät bestimmt sie, sondern befreien Sie sich aus dem Sklaventum der Digitalisierung! […] Machen Sie mit den Kindern das, was Sie erlebt haben: Natur, Wald, Wandern, auch wenn das Kind anfangs keine Lust dazu hat. Machen Sie Urlaub ohne Handy für alle.“ Das klingt doch nach der wahren Vorbereitung fürs Leben, oder?