Brief einer alten Dame und Klientin

Liebe Frau Schudel,
lieber Herr Schudel

Ich schreibe Ihnen diesen Brief als Dankeschön für Ihre Gespräche mit mir und meiner Enkelin.

Vor drei Jahren kam ich ins Alters- und Pflegeheim. Ich war sehr schwach auf meinen Beinen und konnte kaum noch gehen. Auch der Rollator war nicht die Lösung. Ich sackte immer wieder ein und musste Angst haben zu stürzen. Zudem hatte ich starke Schmerzen im Rücken, ausstrahlend in die Beine. Bluthochdruck, zu hoher Cholesterinwert und noch ein paar andere Zimperleins. All dies wurde mit Medikamenten behandelt. Ich muss sagen, versucht zu behandeln, denn die Schmerzen gingen nie richtig weg.

Als ich ins Heim kam erschrack ich. Alle sassen im Rollstuhl, meistens vornübergebeugt und schliefen. Täglich kam eine Schwester zu allen Heimbewohnern und prüfte den Zuckerwert im Blut. Fast alle bekamen darauf eine I.-Spritze (Name dürfen wir nicht veröffentlichen, Zensur!). Alle wurden mit Medikamenten vorsorgt, ich auch, meine wurden, wie wohl bei allen verdoppelt.

So gingen die Tage, Wochen, Monate und Jahre vorbei. Ich fühle mich schwächer und schwächer und konnte bald gar nicht mehr gehen. Nicht einmal einen Schritt. Die Schmerzen blieben etwa gleich stark. Hinzu kamen Schulterschmerzen und Knieschmerzen. Arthrose war die Diagnose. Künstliche Gelenke können helfen, war die Meinung des Heimarztes und noch mehr Pillen.

All das machte mir Angst, bald sterben zu müssen. Als ich das einmal äusserte, wollte mir eine Schwester Psychopharmaka geben. Ich sagte nein. Ich begann immer mehr nein zu sagen und besprach das mit meiner Enkelin.

Ich hätte mein Leben lang wesentlich mehr nein sagen sollen.

Auch bei meinem Mann und meinem Sohn. Beide sind an Krebs gestorben. Beide sehr schnell, denn die Ärzte haben alles gemacht, alles falsch. Ich hätte dort nein sagen sollen zur Chemotherapie, zu Bestrahlungen – ja sogar zu einer Biopsie, die alles beschleunigte. Denn danach ging es bei beiden sehr schnell. Sie starben hundsmiserabel. Wir liessen uns von Ärzten in Panik versetzten und sagtem zu allem ja. Ein riesiger Fehler, der zu schnell tödlich war.

Da ich im Heim auch noch nicht sterben wollte, obwohl schon 93 Jahre alt, bat ich meine Enkelin ein neues Heim zu suchen oder nach anderen Möglichkeiten.

Und so kamen Sie ins Spiel. Sie haben mich im Heim besucht und mir die Augen geöffnet, was so in Heimen abläuft. Sie haben mir gezeigt und erklärt wie ich wieder auf die Beine komme, wie ich meinen Schmerz selber nehmen kann, wie ich meinen Blutdruck und Cholesterin senke. Ohne die ständigen Pillen schlucken zu müssen.

Ich brauchte einige Wochen bis ich wieder gehen konnte. Es war nicht einfach, denn die Schwestern und PflegerInnen fanden das zwar gut, doch sie waren angewiesen mir weiterhin zahlreiche Pillen zu geben.

Eines Tages kam meine Enkelin zu mir und meinte: «Omi komm zu mir nach Hause. Meine Einliegerwohnung wird Ende Monat frei. Du kannst in mein Haus kommen, ich werde zu Dir schauen».

Wow! Da war ich baff. Ich freute mich riesig.

So lebe ich nun seit einem halben Jahr bei meiner Enkelin und es geht mir richtig gut. Ich kann selber spazieren gehen, täglich mind. eine Stunde. Ich mache Gymnastik und Sie werden staunen, ich esse auch zu 100 %, so wie Sie es mir empfohlen haben. Im Heim war das Essen ungeniessbar. Ein echter Frass, wohl wie im Gefängnis. Aber mit alten von Medikamenten beduselten Menschen kann man’s ja machen.

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich versuchen, beim nächsten Mal mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht mehr so perfekt sein, sondern viel entspannter. Heute weiss ich, wie ich leben muss. Etwas spät. Ich war immer angepasst, machte immer alles allen recht.

Ich würde auch mehr Chancen ergreifen, mehr Reisen machen, mehr Berge besteigen, mich mehr bewegen. Ich würde nur noch so essen, wie ich heute esse. Vielseitig und richtig genussvoll.

Ich hätte mehr reale und weniger eingebildete Probleme. Die eingebildeten Probleme lassen uns Menschen schwächen und frühzeitig sterben. Reale Probleme sind lösbar.

Ich wollte Tag für Tag, ja sogar Stunde um Stunde eine perfekte Angestellte sein und eine perfekte Mutter, eine perfekte Ehefrau. Vergass mich dabei. Das erhoffte Glück kam nie, erst heute bei meiner Enklein fühle ich das. Es gibt sogar Momente, da fühle ich mich wie als Kind und möchte durch die Wiese hüpfen. Ich muss dann selber über mich lachen.

Ich würde leben, das Leben versuchen richtig zu geniessen. So wie heute im kleinen. Ich ging diesen Sommer ertsmals seit meiner Kindheit wieder barfuss durch eine Wiese. War das herrlich, auffrischend. Den ganzen Tag fühlte ich mich wohl. Geniesse heute auch den Sonnenaufgang, am liebsten an der frischen Luft oder wir besuchen ein Konzert.

Sie sehen liebe Frau und lieber Herr Schudel, Sie und meine Enkelin haben mich wieder zum leben erweckt. Dafür meinen herzlichsten Dank.

Sehr liebe Grüsse, auch von meiner Enkelin

Berta Meier