Arzneimittelreport: Kassen geben Milliarden für unnütze Medikamente aus.

Der Report ist aus Deutschland, sicher auch vergleichbar mit der Schweiz:

Berlin (27.05.2014). Jedes Jahr kommen zahlreiche neue Medikamente auf dem Markt, und Patienten und Ärzte setzen viele Hoffnungen in diese Präparate. Doch nicht alle Arzneimittel, die neu sind, sind tatsächlich besser. Das belegt der Barmer GEK Arzneimittelreport 2014, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Demnach entfallen immer noch etwa 20 bis 30 Prozent der Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung Jahr für Jahr auf sogenannte Me-too-Präparate oder Scheininnovationen. „Diese Arzneimittel sind überflüssig und teuer, und für die Patienten, die auf eine bessere Behandlung hoffen, haben sie keinen erkennbaren Mehrwert“, kritisiert Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Zudem wäre ein Einsparpotential von drei bis vier Milliarden Euro zu erreichen, wenn gleichwertige preisgünstige Generika mit bewährten Wirkstoffen verordnet werden würden.

Gutes Zeugnis für Amnog

Es sei sehr sinnvoll gewesen, mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog) einen Filter einzubauen, um echte Innovationen von Scheininnovationen zu trennen. Seit seinem Inkrafttreten vor drei Jahren gilt, dass für neue Arzneimittel mit nachweisbarem Zusatznutzen der Hersteller mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen einen Preis auszuhandeln hat. Hat es keinen Zusatznutzen, wird das Präparat automatisch einer Gruppe ähnlicher Medikamente zugeordnet, für die als Höchstpreis ein sogenannter Festbetrag festgelegt wird.

„Das Amnog ist allen Kritikern zum Trotz keine Innovationsbremse“, resümiert Schlenker. Das belege die aktuelle Drei-Jahres-Bilanz des Gemeinsamen Bundesausschusses. Demnach wurden rund 70 Präparate auf ihren Mehrnutzen gegenüber existierenden Präparaten überprüft, immerhin 14 wurde ein beträchtlicher Zusatznutzen bestätigt. Bei 23 Medikamenten sahen die Prüfer einen geringen, bei sechs einen nicht bestimmbaren Mehrwert.

Spätbewertung notwendig

Doch diese frühe Nutzenbewertung allein sei wohl nicht ausreichend, so Schlenker weiter. Bislang wird bei einem Medikament, wenn es einmal auf dem Markt ist, zu einem späteren Zeitpunkt nicht erneut der Nutzen überprüft. Neben der frühen Nutzenbewertung, wie im Amnog vorgesehen, sollte es eine regelhafte Spätbewertung geben. „Hier sollten Erkenntnisse aus dem Versorgungsalltag im Rahmen einer nachträglichen Kosten-Nutzen-Bewertung in die Bewertung einfließen“, fordert Schlenker.

Einem großen Teil des Marktes fehlt Nutzenbewertung

Bislang hat das Amnog lediglich Einsparungen von etwa 180 Millionen Euro erbracht, statt der politisch angestrebten zwei Milliarden Euro. „Daher ist es besonders kritisch zu sehen, dass Arzneimittel, die vor Inkrafttreten des Amnog auf den Markt gekommen sind, anders als ursprünglich noch von der schwarz-gelben Koalition vorgesehen, doch nicht überprüft werden“, betont Studienautor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen. Das führe dazu, dass der Arzneimittelmarkt gespalten sei. Schließlich sei ein großer Anteil der originalen Arzneimittel nicht auf seinen Zusatznutzen geprüft. Der Barmer GEK Arzneimittelreport belege, dass die Krankenkassen dadurch noch viele Jahre mit hohen Ausgaben belastet werden. „Die Kassen zahlen für Arzneimittel mit zweifelhaftem Nutzen“, so Glaeske weiter. Schließlich seien viele Scheininnovationen nach wie vor erfolgreich auf dem Markt und würden nicht verschwinden, wenn ihr Patent auslaufe. Dann blieben sie als generische Alternative erhalten. Damit sei die Chance verpasst worden, den Bestandsmarkt auf Me-too-Präparate zu scannen.

Neue Arzneimittel: Ein Hauch Skepsis bei der Verordnung

In dem Schwerpunktkapitel des Arzneimittelreports werden die Risiken neuer Medikamente zur Blutverdünnung thematisiert. Die Nachfolger bewährter Arzneimittel wie Marcu. sind umstritten. „Das Sicherheitsprofil der neuen Blutgerinnungshemmer wie zum Beispiel Xare. oder Prad. ist nicht abschließend geklärt. Ihre Verordnung sollte nur gezielt und nicht in der Breite erfolgen“, so Glaeske. Den Ergebnissen des Arzneimittelreports zufolge entfielen im Jahr 2013 dennoch insgesamt 86,8 Prozent der Ausgaben für Mittel zur oralen Antikoagulation auf die neuen Medikamente.

39 Prozent der Ärzte verschrieben laut einer 2010 im Deutschen Ärzteblatt publizierten Studie der Uni Mainz sehr gern solche neuen Arzneimittel für ihre Patienten. Sie sind in dem Glauben, damit die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse in ihr therapeutisches Handeln einfließen zu lassen. „Die Innovationsfreude der Ärzte ist zwar zu begrüßen, einen Hauch Skepsis sollten sie sich jedoch bei ihren Verordnungen bewahren“, so Glaeske.

Arzneimittel werden wieder zum Preistreiber

Seit Anfang 2014 werden Arzneimittel wieder zum Kostentreiber. Allein im ersten Quartal 2014 wuchsen aktuellen Statistiken zufolge im Vergleich zum Vorjahresquartal die Arzneimittelausgaben um neun Prozent. Der Grund hierfür liegt in erster Linie bei dem reduzierten Herstellerrabatt für patentgeschützte Arzneimittel, die keinen Festbetrag haben. „Seit April liegt der Rabatt nun zwar bei sieben Prozent. Es bleiben aber neun Prozentpunkte weniger als im Vorjahr“, so Schlenker. Damit werden die Arzneimittel politisch gewollt wieder zum Preistreiber und gefährden somit längerfristig die Beitragssatzstabilität in der GKV. „Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann sich die Branche wieder auf Kostendämpfungsmaßnahmen einstellen darf“, so Schlenker.

Ergebnisse aus dem Barmer GEK Arzneimittelreport 2014

  • Im Jahr 2013 sind die Arzneimittelausgaben der Barmer GEK auf 4,2 Milliarden Euro gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von 2,6 Prozent pro Versichertem. Absolut betrugen die Ausgaben pro männlichem Versicherten 441 Euro und pro weiblicher Versicherter 467 Euro.
  • Die gesetzlichen Krankenkassen insgesamt haben laut Statistik KV 45 mehr als 32 Milliarden für Arzneimittel ausgegeben, was einem Plus gegenüber dem Vorjahr von 2,4 Prozent entspricht. Das sind rund 16 Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung.
  • Bereits jetzt fallen 13 Prozent der Arzneimittelausgaben auf Biopharmazeutika, also gentechnologisch hergestellte Arzneimittel, 2020 werden es voraussichtlich 21 Prozent sein.
  • In Deutschland wurden 2012 laut Barmer GEK Arzneimittelreport 2014 rund 5,5 Millionen Packungen mit Blutgerinnungshemmern, sogenannten oralen Antikoagulanzien, verkauft. Fast 76 Prozent der Packungen entfielen auf seit langem verfügbare Wirkstoffe wie zum Beispiel Marcu. Den größten Anteil am Umsatz hatte aber das Präparat Xarel., das seinen Umsatz von 92,7 Millionen Euro 2012 auf 282,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr steigern konnte. Der Umsatz von seit vielen Jahren verfügbaren Präparaten wie Marcu. ging dagegen leicht um 0,9 Prozent zurück.
  • Rund 0,3 Prozent der Bevölkerung haben die Diagnose Multiple Sklerose, eine entzündliche Krankheit des zentralen Nervensystems. Der Umsatz der vier am häufigsten eingesetzten Langzeitarzneimittel liegt in Deutschland bei fast 1,3 Milliarden Euro (2013). Nach Auswertung von Barmer GEK Daten werden rund 15 Prozent der Patienten auch stationär behandelt.
  • Protonenpumpenhemmer (PPI) unterdrücken die Bildung von Magensäure. Es wird beklagt, dass PPIs immer häufiger beziehungsweise ohne klare Indikation eingesetzt werden. In der Barmer GEK stieg der Anteil Versicherter, die pro Jahr mindestens einmal eine Verordnung erhielten stetig von 8,2 Prozent (2005) auf 16,2 Prozent (2013).

(Medikamentennamen dürfen wir nicht nennen, Zensur!)

Presseabteilung der Barmer GEK